Sonntag Trinitatis 31. Mai 2026

Juni 16, 2026

Predigt an Trinitatis 31. Mai 2026

Lesung: Mk 4, 35-41
35 Am Abend sprach Jesus zu den Jüngern: Lasst uns hinüberfahren.
36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.
38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Zur Auslegung hab ich Euch heute ein Lied mitgebracht, von dem ich nicht so ganz sicher bin, wer es kennt – meldet Euch mal, wer kennt „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“? Wir hören mal die erste Strophe und den Refrain, dann singen wir es nach

1. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, / fährt durch das Meer der Zeit. / Das Ziel, das ihm
die Richtung weist, / heißt Gottes Ewigkeit. / Das Schiff, es fährt von Sturm bedroht / durch
Angst, Not und Gefahr, / Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, / so fährt es Jahr um Jahr.
Und immer wieder fragt man sich: / Wird denn das Schiff bestehn? / Erreicht es wohl das
große Ziel? / Wird es nicht untergehn?
Kehrvers: Bleibe bei uns, Herr! / Bleibe bei uns Herr, / denn sonst sind wir allein auf der
Fahrt durch das Meer. / O bleibe bei uns Herr!

 

Ist schon spannend, wie aktuell das ist, oder? Dabei ist das Lied von 1962, wo man rückblickend ja sagen würde: Da war die Welt für die Kirche noch in Ordnung. Die allermeisten gehörten dazu und zahlten schön ihre Kirchensteuer oder ihren Kirchbeitrag. Der Pfarrer war der Chef, die Gemeinde schön homogen, alles möglichst bildungsbürgerlich, traditionell und konservativ. Trotzdem textet Gotthard Schneider damals schon von Angst, Not, Gefahr, Verzweiflung und Kampf:
Und immer wieder fragt man sich: / Wird denn das Schiff besteh‘n?
Erreicht es wohl das große Ziel? / Wird es nicht untergeh‘n?
Und tatsächlich ist es ja genau das, was unsere Lesung heute erzählt hat: Auch die Jünger standen ganz buchstäblich im Sturm des Lebens. Es ging mehr als turbulent zu, nicht nur in der Erzählung von der Sturmstillung, sondern auch ansonsten in ihrem Leben. Alles hatten sie zurückgelassen, Besitz und Familie. Armut war ihr Los und Heimatlosigkeit, bestimmt auch Hunger und Durst. Und am Ende sogar Verfolgung. So hat es die Kirche zu jeder Zeit schwer gehabt, auch in vermeintlich ruhigen Zeiten wie den frühen 60er Jahren. Vielleicht war nämlich genau der Traditionalismus und Mief dieser Jahre das Problem, das dafür gesorgt hat, dass die Menschen sich in der Kirche nicht mehr Zuhause fühlten…

Die Kirche stand also immer schon im Sturm der Zeit, das ist nichts Neues. Gleichzeitig wundert sich Jesus: Was ist eigentlich los? Warum habt Ihr denn Angst? Ich bin doch bei Euch! Wie gut, dass auch unser Lied im Refrain genau das betont: Bleibe bei uns, Herr! Das ist es, was die Kirche braucht: Dass wir uns auf Jesus, den Herrn, ausrichten! Dann kann es stürmen, wie es will. Wir singen die zweite Strophe:

2. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, / liegt oft im Hafen fest, / weil sich’s in Sicherheit
und Ruh / bequemer leben lässt. / Man sonnt sich gern im alten Glanz / vergang‘ner Herr-
lichkeit / und ist doch heute für den Ruf / zur Ausfahrt nicht bereit. / Doch wer Gefahr und
Leiden scheut, / erlebt von Gott nicht viel. / Nur wer das Wagnis auf sich nimmt, / erreicht
das große Ziel.
Kehrvers

Diese Strophe finde ich am stärksten. Weil sie uns so wunderbar den Spiegel vorhält. Es gibt nämlich neben dem Sturm noch das andere Problem: Sich gar nicht erst auf die See loszumachen. Sondern schön entspannt als Gemeinde im ruhigen Gewässer des Hafens vor Anker zu liegen. Aber dafür ist das Schiff nicht gemacht! So gammelt es langsam vor sich hin, und erfüllt null seinen Zweck! Gerade auf dem Dorf machen wir es uns oft schön gemütlich in unseren Kirchen. Und erleben tatsächlich von Gott nicht viel. Weil wir uns nicht raustrauen in die Welt, auf die raue See. Nichts riskieren, keine Menschen fischen, wie Jesus es uns aufgetragen hat.
In unserer Gemeinde gibt es grade eine kleine Bewegung, die daran was ändern möchte. Das ist natürlich ungemütlich. Aber es ist gut und richtig, weil es uns rausführt aufs Meer. Mal sehen, was wir da von Gott erleben werden! Wir singen die dritte Strophe.

3. Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, / muss eine Mannschaft sein,
sonst ist man auf der weiten Fahrt / verloren und allein.
Ein jeder stehe, wo er steht, / und tue seine Pflicht;
wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, / gelingt das Ganze nicht.
Und was die Mannschaft auf dem Schiff / ganz fest zusammenschweißt / in Glaube, Hoff-
nung, Zuversicht, / ist Gottes guter Geist.

Kehrvers

Auch super wichtig: In der Gemeinde kommt es auf jeden an! Es braucht die Steuerfrau, die weiß, wo es langgeht, es braucht den Smutje in der Schiffskombüse, der für das leibliche Wohl sorgt, es braucht die wilden Matrosen, aber auch die gebildete Kapitänin. Und natürlich Schiffsjungen und -mädchen, die nächste Generation, die von den andern lernt, wie man sich auf hoher See verhalten muss. Die Frage ist also: Wo ist eigentlich Dein Platz in der Gemeinde? Was ist der Ort, an dem Gott Dich haben möchte? Welche Gaben hat er Dir gegeben, damit die Mannschaft des Schiffs schlagkräftig bleibt? Klar ist aber auch: Ohne Gottes Geist bringt die beste Mannschaft nichts. Weil es hier um geistliche Dinge geht. Ohne den Geist verlieren wir uns im Klein-klein von Organisieren und Planen und Bedenken tragen und Sorgen. Ohne ihn sind wir im Zweifel in der falschen Richtung unterwegs. Wir brauchen ihn als unseren Kompass. Wir singen Strophe 4:

4. Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, / fragt man sich hin und her:
Wie finden wir den rechten Kurs / zur Fahrt im weiten Meer?
Der rät wohl dies, der andre das, / man redet lang und viel
und kommt – kurzsichtig, wie man ist – / nur weiter weg vom Ziel.
Doch da, wo man das Laute flieht / und lieber horcht und schweigt, / bekommt von Gott man
ganz gewiss / den rechten Weg gezeigt!

Kehrvers

Auch das verlieren wir gern aus den Augen: Dass wir Ruhe brauchen, um auf Gott hören zu können. Und ich sag Euch: Das gilt auch für Pfarrer. Oft genug ist mein Leben so laut und schnell und angefüllt mit Arbeit, dass die stille Zeit zu knapp wird. Zumal mir ja der Ort fehlt, an dem man am leichtesten still wird und mit Gott in Kontakt kommt: der Gottesdienst. Da bin ich ja durchgängig voll konzentriert. Das macht es enorm schwer, ihn zu hören. So muss ich mir andere Zeiten nehmen.
Und das ist neben dem Gottesdienst auch für Euch wichtig und dran: Zeiten zu haben, die frei sind vom Schaffen. Aber auch frei von Ablenkung. In denen Ihr Euch Zeit nehmt, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Ihn um die ganz alltäglichen Dinge zu bitten: Gib mir Ruhe für diese Prüfung. Starke Nerven für das Meeting, das vor mir liegt. Schenk mir eine Idee, wie ich dieses oder jenes Problem lösen soll. Oder die Kraft zu vergeben oder um Vergebung zu bitten, wo wir heute aneinandergeraten sind. Tausend weitere Dinge gäbe es zu sagen zu diesem schönen Bild, dass wir als Gemeinde, ja als ganze christliche Kirche auf der ganzen Welt, alle in einem Boot sitzen. Und dass wir unterwegs sind zu einem wunderbaren Ziel. Aber wir wollen ja auch heute noch anschwimmen. Also schließen wir mit dem letzten Vers, der das alles noch mal richtig schön zusammenfasst:

5. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, / fährt durch das Meer der Zeit. / Das Ziel, das ihm
die Richtung weist, / heißt Gottes Ewigkeit. / Und wenn uns Einsamkeit bedroht, / wenn
Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs / auf gleichen Kurs gestellt.
Das gibt uns wieder neuen Mut, / wir sind nicht mehr allein.
So läuft das Schiff nach langer Fahrt / in Gottes Hafen ein!
Kehrvers